Regelschule

Zwischen Freiheit und Schulpflicht (Teil 1)

Absolutes Achterbahnchaos.

Ich liebe meine Arbeit als Erzieherin, denn sie ist Teil meiner Berufung. An unserer Freien Schule kann ich leben und gestalten, wachsen und lernen. Ich kann dort ich sein, und mich jeden Tag neu erfinden. Gemeinsam mit all den wunderbaren Menschen dort – klein und groß – lebe ich die Freiheit.  Drei Tage die Woche pures Leben und Freiheit in vollen Zügen.
Und dann sind da noch zwei Tage in der Woche, an denen ich selber die Schulbank drücke. Hallo, altbekannte Schulpflicht.
Vor zwei Jahren habe ich meine Ausbildung zur Erzieherin begonnen. Die Ausbildung ist praxisintegriert, also so aufgebaut, dass ich zwei Tage in der Berufsschule bin und die anderen drei Tage in meiner Praxisstelle – einer Freien Schule – verbringe.
Einerseits gehe ich also den „klassischen Schulweg“ und andererseits lebe ich auf der Arbeit Freiheit und Zwangslosigkeit. Wie dieser Spagat zwischen den zwei Welten ist, davon möchte ich Dir erzählen.

Bevor ich die Ausbildung begonnen habe, musste ich ein Vorpraktikum machen, welches ich ebenfalls an der Freien Schule machte, an der ich jetzt arbeite. Diese Zeit habe ich geliebt, denn ich konnte jeden Tag mit den Kindern verbringen und war voller Freude darüber, was mit ihnen alles entstand. Gleichzeitig steigerte das meine Vorfreude auf die Ausbildung, denn ich würde ja dann alles lernen, was ich brauchte, um hinter meiner Intuition die Theorien zu sehen und fester in meinem Gefühl und meiner Professionalität zu werden.

Hallo Schulpflicht …

Soweit so gut. Die ersten Wochen waren auch sehr aufregend, denn alles war neu und es schien sehr entspannt. Nach und nach kam aber die Systemrealität auf mich zu – Klausuren schreiben. Allgemeine Panik machte sich breit und plötzlich verfielen alle um mich herum in diesen altbekannten Schulstress. Was für ein Horror. Meine Euphorie nahm ab und ich konnte nicht fassen, dass es wieder so war. Wieder dieses Gefühl, etwas für andere zu machen und nicht für sich selber, nur für eine gute Bewertung, um weiter zu kommen, um Ansprüchen zu genügen. Mein Glück war und ist, dass es ein paar Lehrer*innen dort gibt, die mich verstehen, die sich anhören, was dieses Gefühl mit mir macht, warum ich so sehr innerlich protestiere. Das gibt mir wenigstens das Empfinden, nicht völlig gefangen in der Pflicht und der Erwartung dieses Systems zu sein.

Oft darf ich mir anhören „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ Das frustet mich. Warum sollen Lehrjahre denn etwas so Negatives sein? Sollte das nicht das sein, was meine Vorfreude einen Beruf auszuüben steigert und immens fördert, weil ich mir dann noch mehr aneignen kann, was mich weiterbringt, mich wachsen lässt? Stattdessen kommt dieses Gefühl von Pflicht und Erwartung auf mich zugerollt, wie eine große Welle, die mich zu übermannen droht.

Ich will mich nicht überrollen lassen!

Ich kenne dieses Gefühl aus alten Schulzeiten zu gut. Und ich will alles dafür tun, dass es mich nicht wieder überrollt. Nicht dieses Mal. Und schon gar nicht bei etwas, was mich doch so fasziniert. Es geht doch um ein Lebensziel, um die Kinder, um meine Berufung. „Was soll das alles mit Pflicht zu tun haben?“, schießt es mir immer und immer wieder durch den Kopf.
Meine Welt auf der Arbeit sieht doch so anders aus. Und da funktioniert Lernen mitten im Leben ohne Druck doch auch und das in Freiheit.
In der Freien Schule kann ich sein, frei von Bewertungen und Pflicht. Hier bin ich nicht die Auszubildende, die ja noch so viel zu lernen hat und keine Ahnung hat und nicht weiß, was das System eigentlich will. Hier bin ich Juliana, die von den Kindern geliebt und mit großer Freude jeden Morgen empfangen und nachmittags nur schweren Herzens gehen gelassen wird. Hier kann ich etwas beitragen, werde gesehen, gehört und darf das machen, was ich gut kann oder wo ich mich noch ausprobieren und verbessern möchte. Hier darf ich experimentieren und gemeinsam mit allen – Kindern und Erwachsenen – lernen und leben.

Jedes Mal ist es ein neuer innerer Kampf mit mir selbst.

Es zerreißt mich innerlich, immer wieder zwischen den zwei Welten – Nordpol und Sahara, Liebe und Schulpflicht  – wechseln zu müssen. Heute so, morgen so. Ich werde meinen Weg finden, denn ich kann nicht das eine so vorleben und auf der anderen Seite meine Würde und mein Sein an ein System verkaufen, was kein Interesse daran hat, dass ich individuell bin.
Ich lebe die Freiheit und das Leben auf der einen Seite und an zwei Tagen erfülle ich schulische Erwartungen und Pflichten, damit ich später einen Zettel in der Hand halte, der mir mehr Freiheit verspricht. Wie paradox.

Über die AutorinGlück

Juliana ist angehende Erzieherin und Lernbegleiterin an einer Freien Schule. Hier schreibt sie in regelmäßigen Beiträgen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen.

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